(Dj Phoney)
Black Sabbath „Over And Over“ (1981)
Aus aktuell gegebenem Anlaß ist dieser neue und achte Teil meiner „Soundtrack Of My Life“-Reihe durch Ronnie James Dio inspiriert, da sein Tod Mitte Mai mein Gedächtnis dieses Lied wieder hervorkramen ließ.
Ich gehöre eigentlich zu der Sorte von Leuten, die Black Sabbath, nach der Trennung von Ozzy Osbourne im Allgemeinen für nicht mehr relevant hielten.
Nur die ersten zwei Alben mit Sänger Dio – „Heaven & Hell“, sowie „Mob Rules“ – stellten eine Ausnahme dar.
In diesem Song „Over And Over“ von Black Sabbath’s 1981er Album „Mob Rules“ gefällt mir Dio’s Lyrik sehr. Er hat oft über Feen und Elfen und dererlei Fantasy-Kram gesungen, immer mal mit der ein oder anderen Lebensweisheit gewürzt, aber halt grundsätzlich nicht so wirklich meine Tasse Tee. Hier hat er mit Zeilen wie “too many flames with too much to burn and life’s only made of paper” poetisch einen ansprechenderen Pfad eingeschlagen.
Die markante und im Metal seinesgleichen suchende Vokal-Leistung Dio’s ergänzt sich gerade bei diesem Track hervorragend mit Tomy Iommi’s Gitarrenspiel. Während Dio die Worte, ausdrucksvoll aber noch immer mit einer gewissen Gelassenheit singt, geht die Lead-Gitarre in den Soli einen Schritt weiter; klagt, schreit und weint.
Eine Sache, die ansonsten nur ein anderer Linkshänder namens Hendrix so exzessiv betrieb – diese endlosen Vibratos und Bends, bei denen man sich fragt, was zum Teufel der Gitarrist bloß für Finger hat. Im Fall von Iommi lässt sich das eigenwilligerweise sogar beantworten: nicht ganz seine eigenen; sind doch zwei Fingerkuppen nicht echt. Die Geschichte dahinter ist so ironisch wie dramatisch: just an dem Tag, als sich Tony Iommi entschied, Black Sabbath sein gesamtes Dasein zu widmen und seinen Job in einem Sägewerk aufzugeben… well, you may imagine the horrible rest I guess.
Die Ausdrucksweise in Iommi’s Spiel, die mal inspiriert von alten Horror-Filmen und ihren Soundtracks ist (hence the name of the band und diese rollenden Halbtöne am Ende vieler seiner Riffs) und mal verzweifelt klingt wie Hendrix mit Manic Depressions, hat mich schon immer angesprochen. Mein eigenes Gitarren-Spiel wurde sehr davon beeinflusst.
Sich auf einen Song so weit einzulassen, daß alle Verzweiflung des Daseins, jeglicher Schmerz, alle Verluste manchmal in einem einzigen Gitarrensolo zusammenzufließen scheinen, ist eine ziemlich ehrliche und beeindruckende Angelegeheit. Und man braucht eben keine Worte (die eh meist viel zu kurz greifen) – so wie Ada McGrath, die Titelfigur in „Das Piano“.
„Over And Over“ hat schon fast die Schwere eines Trauermarsches und ist eine Bestätigung dafür, daß Heavy Metal zwar oft die dunkleren Seiten der Musik und des Lebens reflektiert, dabei allerdings nicht zwangsweise offensichtlichste Klischees von Satan, Krieg und Lärm bedienen muß.
Dieses Stück hat Format, ist gleichzeitig aber ehrlich genug, um nicht in ästhetischer Distanz zu verharren, sondern sich in die Tiefe seelischen Elends zu stürzen und den Schritt von Melancholie (die sich jeder Musiker mal leisten mag) zu Verzweiflung zu vollziehen.
Das Gitarrensolo wird immer schneller und furioser und die schließliche Ausblendung des Stückes hinterlässt auf mich schon beinahe den Eindruck einer Zensur. Als ob Producer Martin Birch (der vorher Deep Purple und später Iron Maiden betreute) beschlossen hätte, daß man das Ende keinem mehr zumuten könnte. Vielleicht ist es nur meine kranke Fantasie, aber wenn es bis dahin um eine Person ging, die sich in seelischen Schmerzen am Boden wand und immer wieder verzweifelt die Faust hob (wie in einem Masereel-Holzschnitt), dann wäre das Ende, welches man nicht mehr zu hören bekommt, ein Messer in die Brust, das eigenhändig herumgedreht wird.
Sagte ich vorher schon mal, daß ich Musik keinesfalls nur höre, um Zufriedenheit zu empfinden…?
Ich habe das gesamte „Mob Rules“-Album in den 80ern oft auf dem Weg zurück von der Schule im Walkman gehört, insofern ist es meist als Komplettwerk in meinem Gedächtnis. Erst Jahre später, als ich die Platte auf meinen Plattenspieler legte und „Over And Over“ spielte, während es draussen regnete und nur eine Kerze ihr spärliches Licht verbreitete, während sich meine Kehle zuschnürte, begegnete mir der Song explizit als das, was er für mich darstellt; ein Versuch lebenslangem Wiederkehren von Verzweiflung Ausdruck zu verleihen.



