(Dj Phoney)
DJ Krush „Crimson“ (1998)
1998 war ein interessantes Jahr in meinem Leben; außer einem Trip nach London und meinem Einsatz für die Internationalen Sozialisten allgemein, war ich stetig unterwegs und hatte dennoch einen Fulltime-Job. Meine damalige Freundin wohnte in einer anderen Stadt und so hatte ich viele Autobahnfahrten zurückzulegen. Ein beträchtlicher Teil der Strecken begleite mich ein Tape, auf das ich mir DJ Krush’s „Kakusei“-Doppel-LP überspielt hatte. Zahlreiche emotionale Stadien, von Müdigkeit über Glücksseligkeit, Wut bis Traurigkeit und allem dazwischen, wurden so auf etlichen Fahrten akustisch unterstrichen, teilweise kanalisiert und unter Umständen sogar umgewandelt.
„Crimson“ ist das subjektive Herzstück des „Kakusei“-Albums, welches in meinen Augen DJ Krush’s Schaffenshöhepunkt darstellte. Ein superslow melancholisches Kleinod von einem Song. Geradezu zärtlich perlen die Töne, während ein Dub-verdächtiger Reverb sich breit macht und der Beat in SloMo swingt und dennoch auf den Punkt knallt.Außergewöhnlich ist, daß der Track, trotz der niedrigen BPM-Zahl bloß 2:33 min läuft. Aber wie schon Dead Kennedys meinten: „I like short songs“.Schon Krushs Label-Kollege DJ Shadow war zwei Jahre vorher angetreten, um dem „seit Mitte der Neunziger wollen wir alle wie der Wu-Tang klingen“-Wahn entgegenzuwirken und dem Einheits-MC-Geplapper mit „Endtroducing…“ ein „einfach mal den Mund halten“ entgegenzusetzen.
Krush ging die Sache minimalistischer an. Statt einem monumentalen, multi-instrumentalen Sample-Reigen ging er zurück zur Essenz des Hip Hop; die Reduzierung auf den Beat (mit nur spärlichen Samples und Cuts). Im Gegensatz zur alten Schule der verhallt-aufgeblasenen Drumcomputer-Beats waren seine Grundlage jedoch organische Drumbreaks und trockene Sequencer-Grooves. Man hört bei den rhythmisch eingesetzten Samples auch mal abstraktere Geräusche wie Tierlaute oder das Klackern der Kügelchen in einer Spraydose. Und nur ein einziger Vocaltrack (und der mit weiblichem Gesang statt MC-ing) fand sich als Abschluß auf dem Werk.
Ich höre noch immer die „das ist doch kein Hip Hop“-Aussagen vor meinem inneren Ohr. Für mich war und ist es allerdings mehr Hip Hop als allzu viele andere Produkte, die sich mit dem Etikett schmücken.Trip Hop wurde u.a. durch Krushs slowe Beats mitgeboren und hieß deswegen zuerst auch eher Abstract Beats. Im heutigen Bewusstsein findet sich unter dem TH-Begriff aber vor allem Vocal-Trip Hop von Portishead, Smith & Mighty, Statik Sound System, Tricky, etc. Was auch immer man dem Kind für einen Stil-Namen gibt; der spröde Minimalismus und Krush’s stoische Beats leisteten für mein Gehör Widerstand gegen den Geist der Zeit und definierten geradezu meditative Konzentration. Womit Krush als Japaner ja auch immer wieder ästhetisch spielte, wenn er sich auf Zen und traditionelle asiatische Musik bezog. Es klingt, als setzte Krush auf „Kakusei“ die Tracks mit einer Sorgfalt und Ruhe zusammen, wie ein asiatischer Kalligraph den Pinsel führt. Deswegen befindet sich das Album bis heute unter meinen zehn ersten AlltimeAlbum Faves, mit „Crimson“ als herausragendem Song. Ich habe mich bereits darüber ausgelassen, wie Musik vorhandene oder bereits durchlebte Emotionen und Erinnerungen wiederbeleben und so Bewusstseins-Kontinuität schaffen kann, aber ebenso ist sie in der Lage Emotionen erst selbst hervorzurufen. „Crimson“ bewegt sich für mich auf der Ebene dazwischen. Ich sah schon beim ersten Mal hören einen kleinen Film mit abstrakten Sequenzen aus meiner Gefühlswelt, gleichzeitig kam jedoch auch direkt etwas Neues hinzu.
Um ehrlich zu sein, habe ich den Track länger nicht gehört, aber das werde ich nach dem Verfassen dieser Zeilen gleich mal ändern. Wo ist die Scheibe…? Ah, vorletzte obere Reihe im Plattenregal. Ab damit auf den Teller!



